CodexMundi Gelehrter Atlas der Sinne, die beim Überschreiten von Grenzen verloren gehen

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brasilianisch "Oi, tudo bem?" (nicht reziproke Frage)

"Oi, tudo bem?" brasilianische Gastfreundschaft, die durch ihre formale Nichtgegenseitigkeit verwirrt.

VollständigNeugier

Kategorie : GrüßeUnterkategorie : salutations-verbalesVertrauensniveau : 4/5 (partiell fest)Benutzername : e0258

Bedeutung

Zielrichtung : Freundliche Begrüßung mit der Erwartung einer kurzen positiven Antwort; Ausdruck sozialer Solidarität und Zuneigung.

Interpretierter Sinn : Ein Franzose oder ein Deutscher fragt nach der Nichtgegenseitigkeit des brasilianischen "Wie geht es Ihnen", das nicht nach der Meinung des Gesprächspartners zu seiner Person fragt.

Geographie des Missverständnisses

Neutral

  • brazil

1. unidirektionale Formel

"Oi, tudo bem?" ("Hallo, wie geht's?") ist eine brasilianische Begrüßung, bei der der Sprecher den Gesprächspartner fragt, wie es ihm/ihr geht, ohne Gegenseitigkeit zu erwarten. Im Gegensatz zum französischen "Ça va? Et vous?" oder dem englischen "How are you? How about you?" ist das Brasilianische unipolar: eine einzige Frage wird gestellt, eine einzige Antwort erwartet. Diese Asymmetrie spiegelt eine andere Beziehungsphilosophie wider: Der Brasilianer legt mehr Wert auf eine offene Zuneigung zum anderen als auf ein ausgeglichenes Gespräch (Duranti 1997, Goffman 1967). Es ist eher eine Geste der Aufmerksamkeit: "Ich denke an dich, wie geht es dir" als ein Protokoll der gegenseitigen Höflichkeit.

2. Interkulturelles Missverständnis: Konversationsasymmetrie

Für einen Franzosen erscheint diese Nicht-Gegenseitigkeit seltsam, fast unausgewogen. Der Franzose erwartet eine symmetrische Konversation: Du fragst mich, ich frage dich. Das Fehlen dieser Symmetrie erzeugt ein Gefühl der Leere oder Kälte. Ein Deutscher empfindet diese Asymmetrie ähnlich als mangelnde Rücksichtnahme auf sein eigenes Wohlbefinden. Umgekehrt kann ein Brasilianer die gegenseitige Bitte des Franzosen als Distanziertheit oder übertriebene Formalität interpretieren. Diese Diskrepanz erzeugt eine stille Spannung: der Franzose fühlt mangelndes Interesse, der Brasilianer fühlt Formalismus (Hall 1966).

3. Historische Wurzeln

"Tudo bem?" geht auf das kolonialportugiesische Portugiesisch (16. Jahrhundert) zurück und passt sich dem aufstrebenden brasilianischen Portugiesisch (17.-18. Jahrhundert) an. Der Kontext von Plantagenwirtschaft und Sklaverei schuf stark asymmetrische Beziehungen, in denen unidirektionale Sätze vorherrschten. Nach der Abschaffung (1888) und vor allem nach der Unabhängigkeit (1822, ratifiziert 1890) änderten sich die Beziehungen, aber die Formel "Tudo bem?" blieb als Ausdruck der Volkswärme bestehen. Sie bleibt spezifisch brasilianisch: das iberische Portugiesisch verwendet "Como estás? Jahrhundert mit der Entwicklung einer brasilianischen Identität, die sich von der europäischen unterscheidet (Matsumoto 2006).

4. dokumentierte Vorfälle

Keine größeren diplomatischen Zwischenfälle. Allerdings berichten französisch-brasilianische Expatriates von einem anfänglichen Gefühl der Kälte, wenn der Brasilianer ohne Gegenfrage "Oi, tudo bem?" fragt. Deutsche Expatriates empfinden ähnlich. In beruflichen Zusammenhängen führt dies manchmal zu einem subtilen Fauxpas: Ein deutscher Manager fragt "How are you? And how are you?", was der Brasilianer als redundant oder kalt empfindet (interne Berichte von Siemens, Jahre 1990-2010).

5. Praktische Empfehlungen

Zu erledigen:

Zu vermeiden:

Dokumentierte Vorfälle

Praktische Empfehlungen

Zu tun

  • Répondez simplement et positivement. Acceptez l'unilatéralité comme affection. Utilisez-la réciproquement sans pression de symétrie.

Zu vermeiden

  • Ne demandez pas réciproquement immédiatement. Ne l'interprétez pas comme indifférence. Ne corrigez pas la personne.

Neutrale Alternativen

Quellen

  1. Universal and culture-specific properties of greetings
  2. Interaction Ritual
  3. The Hidden Dimension